(1872, Harz) Die Makabre Geschichte der Familie Dornwald – Was sie 77 Jahre in den Wänden Verbarg.H

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Im Jahr 1872 war das Dorf Waltenried im südlichen Harz noch ein abgeschiedener Ort, umgeben von dichten Fichtenwäldern und jahrhundertealten Traditionen. Die Familie Dornwald bewohnte seit drei Generationen ein großes Fachwerkhaus am Rande der Siedlung, nur wenige hundert Meter von der alten Klosterruine entfernt.

Das Gebäude, ursprünglich im 16. Jahrhundert errichtet, war für seine ungewöhnlich dicken Wände bekannt. Eine Besonderheit, die den Dornwalds Respekt in der Gemeinde einbrachte. Wilhelm Dornwald, 47 Jahre alt, arbeitete als Schmied und galt als respektierter Handwerker. Seine Frau Margarete stammte aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie aus Göttingen.

Das Paar hatte vier Kinder: Johann, 22, der den Schmiedebetrieb übernehmen sollte; Friedrich, der sich für das Studium der Theologie interessierte; sowie die Zwillinge Anna und Elisabeth, beide 16 Jahre alt. Am 15. November 1872 meldete der Dorfpfarrer Heinrich Müller bei der örtlichen Verwaltung eine Unregelmäßigkeit. Seit drei Wochen war kein Mitglied der Familie Dornwald mehr zum Gottesdienst erschienen. Diese Tatsache war bemerkenswert, da Wilhelm Dornwald zu den Kirchenvorstehern gehörte und seine Anwesenheit als selbstverständlich galt. Der erste Versuch, die Familie zu kontaktieren, erfolgte durch den Nachbarn Georg Zimmermann.

Er berichtete später, dass alle Fensterläden geschlossen gewesen seien und niemand auf sein Klopfen reagiert habe. Der Hof wirkte verlassen, obwohl Rauch aus dem Schornstein aufstieg. Als Zimmermann um das Haus herumging, bemerkte er etwas Ungewöhnliches. Aus dem Keller drang ein merkwürdiges rhythmisches Geräusch. Es klang, als würde jemand sehr langsam und gleichmäßig gegen die Wand klopfen.

Die örtliche Obrigkeit entschied, eine formelle Überprüfung durchzuführen. Am 18. November 1872 erschien der Gemeindevorsteher Ernst Weber zusammen mit zwei weiteren Männern am Dornwald-Anwesen. Das Haus war unverschlossen. Im Inneren fanden sie eine seltsame Szene. Alle Möbel standen an ihrem gewohnten Platz. Die Küche war aufgeräumt, aber die Familie war verschwunden. Auf dem Esstisch lag ein halbfertiges Abendessen; Kartoffeln und Fleisch waren bereits kalt geworden. Was die Männer jedoch am meisten verstörte, war die vollkommene Stille im Haus. Trotz der dicken Wände konnte man normalerweise Geräusche aus den Nachbarräumen hören. An jenem Tag herrschte eine unnatürliche Ruhe, die nur gelegentlich von einem schwachen Klopfen unterbrochen wurde. Das Geräusch schien aus den Wänden selbst zu kommen. Die Familie Dornwald hatte über Jahrzehnte hinweg ein zurückgezogenes, aber respektables Leben geführt. Wilhelm war bekannt für seine Verschwiegenheit und seine Abneigung gegen Klatsch.

Margarete galt als fromme Frau, die ihre Kinder streng erzog und selten das Haus ohne triftigen Grund verließ. Die Nachbarn beschrieben die Familie als eigenartig, aber harmlos. Das Dornwald-Haus war ein beeindruckendes Gebäude mit ungewöhnlich dicken Steinmauern im Erdgeschoss und massiven Holzbalken in den oberen Stockwerken. Der Keller erstreckte sich über die gesamte Grundfläche des Hauses und war in mehrere Räume unterteilt. Wilhelm hatte diesen Bereich über Jahre hinweg als Werkstatt und Lager genutzt. Die Familie besaß auch einen großen Garten, in dem Margarete Gemüse und Heilkräuter anbaute. In den Wochen vor dem Verschwinden war den Nachbarn aufgefallen, dass die Familie noch zurückgezogener geworden war.

Georg Zimmermann berichtete später, dass er seit Anfang Oktober keine Kinder mehr im Garten spielen gesehen hatte. Die Zwillinge Anna und Elisabeth, die zuvor regelmäßig bei den Nachbarsfrauen Besorgungen gemacht hatten, blieben plötzlich zu Hause. Elisabeth Kramer, eine entfernte Verwandte, erinnerte sich an einen Besuch Ende September. Sie hatte bemerkt, dass Margarete ungewöhnlich nervös wirkte und ständig zur Kellertür blickte. Als Elisabeth fragte, ob alles in Ordnung sei, hatte Margarete nur geantwortet:

„Manche Dinge sind besser im Verborgenen.“

Die Unterhaltung war kurz gewesen und Elisabeth hatte das Gefühl gehabt, nicht willkommen zu sein. Johann Dornwald, der älteste Sohn, war in den letzten Monaten vor dem Verschwinden häufig in der Dorfschenke gesehen worden. Der Wirt, Hans Bäcker, beschrieb ihn als wortkarg und in sich gekehrt. Johann trank viel, sprach aber wenig. Wenn er angesprochen wurde, reagierte er oft nicht sofort, als würde er aus tiefen Gedanken gerissen werden.

Friedrich, der theologisch interessierte Sohn, hatte seine Studienvorbereitungen abgebrochen. Pfarrer Müller berichtete, dass der junge Mann zuletzt verwirrt und unkonzentriert gewirkt hatte. Auf Fragen nach seinem Befinden gab Friedrich ausweichende Antworten und vermied Augenkontakt. Die Zwillinge Anna und Elisabeth waren früher lebhafte Mädchen gewesen, die gern mit den anderen Dorfkindern spielten. In den Wochen vor dem Verschwinden wurden sie nur noch selten gesehen, und wenn doch, dann wirkten sie blass und scheu. Maria Hoffmann, eine Nachbarin, erinnerte sich, dass die Mädchen seit Wochen dunkle Ringe unter den Augen hatten, als würden sie schlecht schlafen. Die Ereignisse, die zur endgültigen Isolation der Familie führten, begannen im frühen Oktober 1872.

Wilhelm Dornwald hatte entschieden, eine umfassende Renovierung des Kellers vorzunehmen. Er begann, die Steinwände zu verstärken und zusätzliche Stützbalken einzuziehen. Die Arbeiten fanden ausschließlich nachts statt, was bei den Nachbarn Verwunderung hervorrief. Georg Zimmermann berichtete später, dass er mehrere Wochen lang ungewöhnliche Geräusche aus dem Dornwald-Keller gehört hatte. Es klang nach schwerem Hämmern und Steinarbeiten, aber auch nach etwas anderem – einem rhythmischen Scharren, als würde jemand Erde bewegen. Die Arbeiten dauerten oft bis in die frühen Morgenstunden. Am 3. Oktober 1872 ereignete sich ein Vorfall, der von mehreren Zeugen beobachtet wurde. Gegen Mitternacht hörten die Nachbarn laute Stimmen und das Geräusch brechenden Holzes aus dem Dornwald-Haus.

Maria Hoffmann beschrieb später schrille Rufe, die abrupt verstummten. Danach herrschte völlige Stille. Am nächsten Morgen wirkte Wilhelm Dornwald verändert. Er hatte tiefe Kratzer an den Händen und einen starren Blick. Auf Nachfragen nach den nächtlichen Geräuschen antwortete er nur:

„Es ist erledigt.“

Margarete und die Kinder wurden an diesem Tag nicht gesehen. In den folgenden Wochen nahm die Aktivität im Keller zu. Die Nachbarn berichteten von nächtlichen Transporten. Wilhelm und Johann trugen schwere Säcke und Gegenstände in den Keller. Die Arbeiten schienen kein Ende zu nehmen. Tagsüber war die Familie kaum noch zu sehen und das Haus wirkte wie ausgestorben. Der letzte bestätigte Kontakt mit der Familie fand am 23. Oktober statt.

Pfarrer Müller besuchte das Haus, um sich nach Friedrich zu erkundigen, der seine Studienvorbereitungen abgebrochen hatte. Wilhelm empfing ihn an der Haustür, ließ ihn aber nicht eintreten. Der Pfarrer berichtete später, dass Wilhelm abgemagert und ungewöhnlich unruhig gewirkt habe. Aus dem Inneren des Hauses waren gedämpfte Stimmen zu hören gewesen, aber Wilhelm hatte behauptet, die Familie sei wohlauf. Als der Pfarrer nach den Kindern fragte, zögerte Wilhelm merklich, bevor er antwortete:

„Sie lernen gerade wichtige Lektionen. Manche Wahrheiten müssen im Verborgenen gelehrt werden.“

Diese Antwort verstörte Pfarrer Müller so sehr, dass er beschloss, die Familie regelmäßig zu überwachen. Nach der ersten Durchsuchung des verlassenen Hauses suchte die Dorfgemeinschaft nach rationalen Erklärungen für das Verschwinden der Familie Dornwald. Gemeindevorsteher Ernst Weber bevorzugte die Theorie, dass Wilhelm seine Schulden nicht mehr bezahlen konnte und mit der Familie in der Nacht geflohen war. Diese Erklärung passte zu den Berichten über nächtliche Aktivitäten im Haus. Der örtliche Arzt Dr. Heinrich Scholz unterstützte eine andere Theorie. Er spekulierte, dass die Familie von einer Krankheit befallen worden war und sich selbst isoliert hatte, um eine Ansteckung zu verhindern.

Als Beweis führte er die blasse Erscheinung der Kinder in den letzten Wochen an und die Tatsache, dass Wilhelm am Ende sehr abgemagert gewirkt hatte. Pfarrer Müller hingegen äußerte Bedenken. Er erinnerte die Gemeinde an Wilhelms seltsame letzte Worte über Wahrheiten im Verborgenen und die unnatürliche Stille im Haus. Seine Sorgen wurden jedoch von der Mehrheit der Dorfbewohner als übertriebene Religiosität abgetan. Die meisten Nachbarn bevorzugten die einfachste Erklärung: Die Familie war umgezogen. Wilhelm hatte möglicherweise eine bessere Arbeitsstelle in einer anderen Stadt gefunden. Es war ungewöhnlich, ohne Abschied zu gehen, aber nicht unvorstellbar.

Diese Theorie wurde dadurch unterstützt, dass keine persönlichen Gegenstände oder wertvolle Besitztümer im Haus zurückgelassen worden waren. Georg Zimmermann, der direkte Nachbar, widersprach den Fluchttheorien. Er betonte, dass er niemals Pferde oder Wagen in der Nacht des Verschwindens gehört hatte. Außerdem waren alle landwirtschaftlichen Geräte und Werkzeuge noch im Haus und in den Nebengebäuden vorhanden. Eine Familie, die umziehen wollte, hätte diese wertvollen Gegenstände mitgenommen. Die lokalen Behörden entschieden, keine weitere Untersuchung durchzuführen. Das Haus wurde versiegelt und sollte später an die nächsten Verwandten übergeben werden.

Die offizielle Erklärung lautete: „Freiwilliger Wegzug aus unbekannten Gründen.“ Die Gemeinde akzeptierte diese Version und das Leben im Dorf normalisierte sich wieder. Nur wenige Bewohner hielten an ihren Zweifeln fest. Maria Hoffmann berichtete Freunden, dass sie weiterhin nachts merkwürdige Geräusche aus dem leeren Haus hörte. Diese Berichte wurden jedoch als Einbildung abgetan. Das rhythmische Klopfen, das bei der ersten Untersuchung gehört worden war, wurde als Geräusche der sich setzenden Balken erklärt. In den Monaten nach dem Verschwinden der Familie Dornwald entwickelte sich das verlassene Haus zu einem Ort der Unruhe für die Dorfgemeinschaft. Obwohl das Gebäude offiziell versiegelt war, berichteten Nachbarn regelmäßig von ungewöhnlichen Aktivitäten.

Das charakteristische rhythmische Klopfen aus den Wänden verstummte nie vollständig und wurde zu einem ständigen Begleiter der nächtlichen Stunden in Walkenried. Georg Zimmermann führte ein privates Tagebuch, in dem er seine Beobachtungen akribisch festhielt. Seine Aufzeichnungen, die später bei einer Haushaltsauflösung 1903 gefunden wurden, dokumentieren eine Reihe störender Ereignisse über einen Zeitraum von mehreren Jahren. Er notierte, dass die Geräusche aus dem Keller eine Art Muster zu haben schienen: drei kurze, drei lange, dann wieder drei kurze Schläge. Dies wiederholte sich in unregelmäßigen Abständen, besonders in den frühen Morgenstunden zwischen 2 und 4 Uhr. Im Winter 1872 begannen sich merkwürdige Phänomene um das Haus zu häufen.

Die Fensterläden klappten spontan auf und zu, obwohl sie von innen verriegelt waren. Maria Hoffmann berichtete, dass sie mehrmals schwaches Licht in den Fenstern gesehen hatte, als würde jemand mit einer Kerze durch die Räume wandern. Diese Berichte wurden von mindestens drei anderen Nachbarn bestätigt, darunter dem Uhrmacher Paul Schneider und der Witwe Emma Reuter. Der ortskundige Händler Friedrich Beck, der regelmäßig durch Walkenried reiste, machte im Februar 1873 eine verstörende Beobachtung. Er übernachtete im Gasthaus zur Linde und wurde gegen drei Uhr morgens von Geräuschen geweckt. Als er aus dem Fenster blickte, sah er eine Gestalt am Fenster des Dornwald-Hauses. Die Person schien zu winken oder um Hilfe zu rufen, verschwand aber sofort, als Beck näher hinsah.

Dr. Heinrich Scholz besuchte das Haus im März 1873 auf Drängen mehrerer besorgter Bürger. Er verbrachte eine ganze Nacht in dem Gebäude und führte eine systematische Untersuchung durch. Sein Bericht, der in den Archiven des Kreises Nordhausen erhalten ist, beschreibt eine drückende Atmosphäre und einen süßlichen, fauligen Geruch, der besonders aus dem Keller aufstieg und sich nicht lüften ließ. Während seines Aufenthalts dokumentierte Dr. Scholz verschiedene akustische Phänomene. Neben dem bekannten rhythmischen Klopfen hörte er Geräusche, die er als Scharren und gedämpfte Stimmen beschrieb. Seine medizinische Ausbildung erlaubte es ihm nicht, diese Phänomene zu erklären, aber er notierte, dass die Geräusche aus den Wänden selbst zu kommen schienen, nicht aus den Räumen dahinter.

Der Pfarrer Heinrich Müller weigerte sich kategorisch, das Haus zu betreten, führte aber intensive Gespräche mit den Nachbarn. Seine Aufzeichnungen aus dieser Zeit zeigen eine wachsende Besorgnis über den geistigen Zustand der Dorfgemeinschaft. Er beobachtete, dass sich die Menschen nach dem Verschwinden der Familie anders verhielten: zurückgezogener, misstrauischer und von einer unterschwelligen Angst erfasst. Im Frühling 1873 begann Maria Hoffmann ein eigenes Protokoll der nächtlichen Störungen zu führen. Sie notierte nicht nur Geräusche, sondern auch Veränderungen am Gebäude selbst. Blumenkästen fielen vom Fensterbrett. Die Haustür stand manchmal offen, obwohl sie verschlossen sein sollte, und im Garten wuchs das Unkraut in merkwürdigen Mustern.

Im Sommer 1873 machte Georg Zimmermann eine beunruhigende Entdeckung. Bei der Gartenarbeit fand er mehrere persönliche Gegenstände der Familie Dornwald verstreut in seinem eigenen Garten: ein zerbrochenes Holzspielzeug der Zwillinge, Stoffreste von Margaretes Sonntagskleid und einen kleinen silbernen Knopf von Johanns Weste. Diese Gegenstände waren definitiv nicht bei der ersten Durchsuchung im November gefunden worden. Die Entdeckung veranlasste Gemeindevorsteher Weber zu einer erneuten, gründlicheren Untersuchung des Hauses. Diesmal wurde ein Protokoll geführt, das heute in den Gemeindearchiven von Walkenried eingesehen werden kann.

Die Untersuchung konzentrierte sich auf den Keller, wo die Inspektoren umfangreiche Spuren von Bauarbeiten fanden. Der Keller zeigte deutliche Anzeichen systematischer Umgestaltung. Neue Mauern waren errichtet und an anderen Stellen wieder eingerissen worden. Der ursprüngliche Grundriss des Kellers schien völlig verändert zu sein. Der Boden war an mindestens sieben Stellen aufgegraben und wieder verfüllt worden, wobei die Erde eine andere Farbe hatte als der ursprüngliche Lehmboden. Ein besonders verstörendes Detail fiel den Untersuchern auf: In der nordöstlichen Ecke des Kellers hatte jemand mit Kohle und teilweise mit etwas Dunklerem, möglicherweise getrocknetem Blut, Buchstaben und Wörter an die Wand geschrieben.

Die Schrift war teilweise verwischt und überlagert, aber mehrere Wörter waren noch deutlich lesbar: „Hilfe“, „Kalt“, „Mutter“ und was wie „nicht atmen“ aussah. Besonders beunruhigend waren die Kratzer in den Wänden. Sie bildeten parallele Linien, etwa in der Höhe, die einem knienden Menschen entsprochen hätte. Dr. Scholz untersuchte diese Spuren und kam zu dem Schluss, dass sie von menschlichen Fingernägeln stammten. Die Tiefe der Kratzer deutete auf verzweifelte, wiederholte Versuche hin, sich durch die Steinwand zu graben. Im Herbst 1873 berichteten mehrere Nachbarn von einem neuen Phänomen. An bestimmten Abenden stieg Rauch aus dem Schornstein des verlassenen Hauses auf, obwohl definitiv niemand dort lebte.

Georg Zimmermann untersuchte dieses Rätsel und entdeckte, dass der Rauch immer dann auftrat, wenn der Wind aus nordöstlicher Richtung wehte – derselben Himmelsrichtung, aus der die mysteriösen Geräusche zu kommen schienen. Die lokalen Behörden standen vor einem Rätsel. Die Beweise deuteten darauf hin, dass im Haus etwas Schreckliches geschehen war, aber es gab keine Leichen, keine eindeutigen Hinweise auf Gewalt und keine Zeugen für ein Verbrechen. Die Akte wurde mit dem Vermerk „ungelöst“ geschlossen, aber das Haus blieb weiterhin versiegelt. Um das Geschehen im Dornwald-Haus zu verstehen, ist es notwendig, die Perspektive der Familie selbst zu rekonstruieren.

Diese Rekonstruktion basiert auf Fragmenten, die über die Jahre hinweg gefunden wurden: einem versteckten Tagebuch, Briefresten und Aussagen von Personen, die in den letzten Wochen mit der Familie Kontakt hatten. Friedrich Dornwald, der theologisch interessierte Sohn, hatte seit September 1872 ein geheimes Tagebuch geführt. Dieses kleine, in Leder gebundene Buch wurde 1881 in einer Nische hinter einem losen Stein im Keller entdeckt. Die Einträge, geschrieben in einer zunehmend zitternden Handschrift, gewähren einen verstörenden Einblick in die letzten Wochen der Familie. Der erste bemerkenswerte Eintrag datiert vom 28. September 1872:

„Vater hat heute mit den Arbeiten im Keller begonnen. Er sagt, es seien Verstärkungen für den Winter, aber ich verstehe nicht, warum er nachts arbeitet. Mutter ist seit Tagen blass und spricht kaum mit uns. Die Zwillinge fragen ständig nach den Geräuschen, aber niemand gibt ihnen Antworten.“

Am 1. Oktober notierte Friedrich:

„Die Geräusche werden lauter. Es ist nicht nur Vaters Hämmern, da ist etwas anderes. Ein Scharren, als würde jemand versuchen, sich durch Stein zu graben. Heute Nacht hörte ich Anna weinen und flüstern: ‚Es will raus.‘ Als ich sie fragte, was sie meinte, starrte sie mich nur an und sagte: ‚Du hörst es doch auch.‘“

Ein Eintrag vom fünften Oktober ist besonders verstörend:

„Vater hat uns verboten, in den Keller zu gehen. Er und Johann arbeiten dort jeden Abend bis zum Morgengrauen. Heute früh war Johann voller Erde und hatte Kratzer an den Armen. Als Mutter ihn fragte, was geschehen sei, antwortete er nur: ‚Manche Dinge kämpfen, bevor sie still werden.‘ Was bedeutet das?“

Die Einträge zeigen, dass die Familie in den ersten Oktoberwochen zunehmend isoliert wurde. Friedrich schrieb am 8. Oktober:

„Mutter lässt uns nicht mehr das Haus verlassen. Sie sagt, es sei zu gefährlich. Aber gefährlich wofür? Die Zwillinge sind sehr dünn geworden, sie essen kaum noch und starren ständig zur Kellertür. Elisabeth sagte heute zu mir: ‚Hörst du die Stimmen nicht? Sie rufen unseren Namen.‘“

Der dramatischste Eintrag stammt vom 12. Oktober:

„Heute Nacht bin ich in den Keller geschlichen. Ich musste wissen, was Vater und Johann dort tun. Der Anblick… ich kann es kaum beschreiben. Sie haben neue Wände gebaut, aber dahinter, dahinter ist etwas, das sich bewegt. Ich hörte deutlich gedämpfte Stimmen, die um Hilfe baten. Als Johann mich entdeckte, zerrte er mich nach oben. Seine Augen waren leer, als würde er mich nicht erkennen. Er sagte nur: ‚Du hast nichts gesehen. Du wirst nichts sagen.‘“

Die letzten lesbaren Einträge werden zunehmend verworrener. Am 18. Oktober schrieb Friedrich:

„Die Stimmen kommen jetzt aus allen Wänden, Tag und Nacht. Mutter betet ununterbrochen, aber es hilft nicht. Die Zwillinge sprechen nicht mehr miteinander. Sie flüstern nur noch mit den Wänden. Johann und Vater sind wie Fremde geworden. Ihre Augen sind schwarz, ihre Bewegungen mechanisch.“

Der letzte Eintrag, kaum noch lesbar, ist auf den 22. Oktober datiert:

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