Hormus-Krise: Kanada und Europa handeln ohne Washington

Donald Trump fordert andere Staaten auf, ihre lebenswichtigen Öltransportrouten selbst zu sichern. Gleichzeitig treiben Kanada, Großbritannien, Frankreich und zahlreiche weitere Länder eine eigene internationale Initiative voran. Mark Carney setzt dabei auf Diplomatie und Zusammenarbeit. Entsteht gerade eine neue geopolitische Ordnung, in der die traditionellen Verbündeten der USA zunehmend eigenständig handeln?
Die internationale Politik erlebt eine Phase erheblicher Spannungen. Der Konflikt um den Iran, die Sicherheitslage im Persischen Golf und die Zukunft der Straße von Hormus haben deutlich gemacht, wie eng Energiesicherheit, militärische Macht und wirtschaftliche Stabilität miteinander verbunden sind. Gleichzeitig treten Meinungsverschiedenheiten zwischen den Vereinigten Staaten und ihren traditionellen Partnern immer deutlicher hervor.
Im Mittelpunkt der Debatte steht auch der kanadische Premierminister Mark Carney. Während US-Präsident Donald Trump von anderen Ländern verlangt, mehr Verantwortung für die Sicherheit wichtiger Handelswege zu übernehmen, beteiligt sich Kanada an einer internationalen Initiative zur Wiederherstellung der freien Schifffahrt durch die Straße von Hormus.
Die Entwicklung ist bemerkenswert: Am 17. April 2026 vereinbarten Frankreich und Großbritannien gemeinsam mit zahlreichen Partnerstaaten eine Initiative zur Sicherung der Schifffahrt. Nach dem Gipfel bestätigten weitere Länder, darunter Kanada, ihre Unterstützung. Am 12. Mai folgte die politische Unterstützung einer eigenständigen multinationalen, defensiv ausgerichteten Mission durch Vertreter von 38 Staaten. Die britische Regierung dokumentierte diese Vereinbarung offiziell.
Doch was bedeutet diese Zusammenarbeit tatsächlich? Handelt es sich um den Beginn einer neuen internationalen Machtordnung oder zunächst um den Versuch, eine gefährliche Krise gemeinsam zu bewältigen?
1. Die Straße von Hormus: Ein Nadelöhr der Weltwirtschaft
Die Straße von Hormus gehört zu den strategisch wichtigsten Wasserwegen der Welt. Sie verbindet den Persischen Golf mit dem Golf von Oman und dem Arabischen Meer. Für den internationalen Energiemarkt ist diese schmale Passage von enormer Bedeutung, weil große Mengen Erdöl und Flüssigerdgas aus den Förderstaaten des Persischen Golfs über diese Route transportiert werden.
Eine längerfristige Unterbrechung der Schifffahrt kann deshalb weitreichende Folgen haben. Steigende Transportkosten, höhere Versicherungsprämien und Unsicherheit über die Verfügbarkeit von Rohstoffen können die Energiepreise weltweit beeinflussen.
Besonders betroffen sind Länder, die einen großen Teil ihrer Energie importieren. Höhere Ölpreise verteuern nicht nur Benzin und Diesel, sondern können auch Produktionskosten, Lebensmittelpreise und den internationalen Warenverkehr belasten.
Die Straße von Hormus ist damit weit mehr als ein regionales Sicherheitsproblem. Ihre Funktionsfähigkeit betrifft Unternehmen, Verbraucher und Regierungen auf mehreren Kontinenten.
Genau deshalb ist die Frage, wer für die Sicherheit dieser Route verantwortlich sein soll, politisch so umstritten. Die Vereinigten Staaten verfügen über erhebliche militärische Fähigkeiten in der Region. Andere Staaten sind jedoch ebenfalls auf einen freien Zugang zu den internationalen Seewegen angewiesen.
Daraus entsteht ein grundlegender Interessenkonflikt: Soll Washington weiterhin einen großen Teil der Sicherheitslast tragen, oder müssen die betroffenen Länder gemeinsam Verantwortung übernehmen?
2. Donald Trump und die Forderung nach mehr Eigenverantwortung
Donald Trump hat wiederholt kritisiert, dass die Vereinigten Staaten internationale Sicherheitsaufgaben übernehmen, während andere Länder ebenfalls von der amerikanischen Militärmacht profitieren.
Diese Argumentation ist ein wesentlicher Bestandteil seiner Außenpolitik. Verbündete sollen nach seiner Vorstellung stärker für ihre eigene Sicherheit und für den Schutz ihrer wirtschaftlichen Interessen aufkommen.
Im Zusammenhang mit der Straße von Hormus forderte Trump andere Staaten auf, sich stärker an der Sicherung der Schifffahrt zu beteiligen. Er argumentierte, dass insbesondere diejenigen Länder Verantwortung übernehmen sollten, die auf Öltransporte durch diese Route angewiesen sind.
Die Reaktionen fielen unterschiedlich aus. Einige Regierungen zeigten sich grundsätzlich offen für internationale Zusammenarbeit, während andere vor einer unmittelbaren militärischen Beteiligung an einem laufenden Konflikt zurückschreckten.
Dabei ist zwischen zwei unterschiedlichen Aufgaben zu unterscheiden: der militärischen Öffnung einer umkämpften Wasserstraße während eines Krieges und der Sicherung der zivilen Schifffahrt nach einer nachhaltigen Beruhigung der Lage.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Eine Operation während aktiver Kampfhandlungen kann erhebliche Risiken für Soldaten und Handelsschiffe mit sich bringen. Eine defensive Mission unter stabileren Bedingungen kann dagegen auf Minenräumung, Schutzmaßnahmen für Handelsschiffe und die Wiederherstellung des Vertrauens in die Sicherheit der Route konzentriert werden.
Die internationale Initiative verfolgt ausdrücklich den zweiten Ansatz. Sie ist daher nicht einfach mit einem unmittelbaren militärischen Eingreifen in den Konflikt gleichzusetzen.
3. Mark Carney setzt auf internationale Zusammenarbeit
Kanadas Premierminister Mark Carney steht vor einer anspruchsvollen außenpolitischen Aufgabe. Kanada ist wirtschaftlich eng mit den Vereinigten Staaten verbunden, möchte zugleich aber seine internationalen Beziehungen diversifizieren und seine außenpolitischen Handlungsmöglichkeiten erhalten.
Eine stärkere Zusammenarbeit mit europäischen Staaten kann dazu beitragen, gemeinsame Interessen unabhängig von einzelnen politischen Spannungen zu verfolgen.
Die Beteiligung an der Hormus-Initiative passt in diesen Zusammenhang. Kanada unterstützt die internationale Zusammenarbeit zur Wiederherstellung sicherer Schifffahrt und beteiligt sich damit an einem Vorhaben, das nicht ausschließlich von Washington gesteuert wird.
Allerdings wäre es übertrieben, daraus bereits eine vollständige Abkehr Kanadas von den Vereinigten Staaten abzuleiten. Beide Länder bleiben wirtschaftlich und sicherheitspolitisch eng miteinander verbunden. Gemeinsame Interessen bestehen unter anderem beim Handel, bei der Verteidigung des nordamerikanischen Kontinents und bei zahlreichen internationalen Sicherheitsfragen.
Carneys außenpolitischer Spielraum besteht vielmehr darin, zusätzliche Partnerschaften aufzubauen und gleichzeitig bestehende Beziehungen aufrechtzuerhalten.
Die Zusammenarbeit mit europäischen Staaten könnte Kanada dabei helfen, seine Interessen in internationalen Krisen besser zu vertreten. Ob daraus langfristig eine grundlegende Veränderung der transatlantischen Beziehungen entsteht, hängt jedoch von weiteren politischen Entscheidungen und den tatsächlichen Ergebnissen dieser Kooperation ab.
4. Eine Allianz von mehr als 40 Staaten
Die internationale Initiative zur Sicherung der Straße von Hormus entwickelte sich innerhalb weniger Wochen zu einem breiten diplomatischen Projekt.
Am 2. April 2026 kamen nach Angaben von Euronews mehr als 40 Länder zu einer ersten internationalen Koalition zusammen. Ziel war es, diplomatische, wirtschaftliche und perspektivisch auch sicherheitsbezogene Instrumente zu koordinieren, um die freie Schifffahrt wiederherzustellen.
Am 17. April folgte ein Gipfel unter dem gemeinsamen Vorsitz Frankreichs und Großbritanniens, an dem 51 Staaten beteiligt waren. Die Teilnehmer bekräftigten ihre Unterstützung für das Völkerrecht, die Freiheit der Schifffahrt und die Stabilität der internationalen Wirtschaft.
Im Mittelpunkt standen mehrere Ziele: die Wiederöffnung der Wasserstraße, die Zusammenarbeit mit der Schifffahrtsbranche, die Sicherheit von Seeleuten und Schiffen sowie die Vorbereitung einer defensiven multinationalen Mission.
Am 12. Mai wurde diese Initiative weiter konkretisiert. Großbritannien und Frankreich koordinierten die politischen und militärischen Vorbereitungen mit Partnerstaaten. Die geplante Mission soll Handelsschiffe schützen, Minenräumung ermöglichen und das Vertrauen der Reedereien in die Sicherheit der Route stärken.
Wichtig ist jedoch, dass politische Unterstützung nicht automatisch bedeutet, dass sämtliche beteiligten Länder sofort Kriegsschiffe entsenden oder sich an militärischen Operationen beteiligen. Die Staaten müssen ihre nationalen Verfahren beachten, ihre konkreten Beiträge festlegen und die jeweiligen Sicherheitsbedingungen berücksichtigen.
Die Zahl der beteiligten Länder zeigt somit zunächst eine breite diplomatische Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Sie ist noch kein Beweis dafür, dass bereits eine vollständig einsatzfähige militärische Allianz entstanden ist.
5. Warum die Initiative ohne amerikanische Führung bemerkenswert ist
Die USA sind nicht Teil der beschriebenen eigenständigen multinationalen Mission. Das bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche beteiligten Staaten grundsätzlich gegen Washington handeln oder jede Zusammenarbeit mit amerikanischen Streitkräften ausschließen.
Die Initiative ist vielmehr als separates, defensiv ausgerichtetes Vorhaben konzipiert. Sie soll sich auf die Sicherheit der zivilen Schifffahrt konzentrieren und unter Beachtung des Völkerrechts sowie nach einer ausreichend stabilen Sicherheitslage tätig werden.
Trotzdem ist die politische Bedeutung nicht zu unterschätzen. Europäische Staaten und Kanada zeigen, dass sie in bestimmten Krisen eigene diplomatische und sicherheitspolitische Strukturen entwickeln können.
Das ist besonders relevant, weil die Beziehungen zwischen Washington und mehreren traditionellen Verbündeten in den vergangenen Jahren immer wieder durch unterschiedliche Vorstellungen über Handel, Verteidigungsausgaben und internationale Verantwortung belastet wurden.
Wenn Partnerstaaten eigene Initiativen organisieren, kann dies ihre Verhandlungsposition stärken. Sie können gemeinsame Interessen verfolgen, ohne darauf angewiesen zu sein, dass die Vereinigten Staaten jede einzelne Entscheidung vorgeben.
Gleichzeitig bleiben die Grenzen solcher Zusammenarbeit deutlich. Die USA verfügen weiterhin über erhebliche militärische, logistische und nachrichtendienstliche Fähigkeiten. Eine internationale Koalition muss deshalb sorgfältig prüfen, welche Aufgaben sie tatsächlich übernehmen kann und welche Ressourcen dafür erforderlich sind.
Eigenständigkeit bedeutet nicht automatisch Unabhängigkeit von allen amerikanischen Fähigkeiten. Sie bedeutet zunächst, mehr eigene Entscheidungen treffen und gemeinsame Interessen selbst organisieren zu können.
6. Verliert Washington seinen globalen Einfluss?
Die Entwicklung wirft eine größere Frage auf: Könnte eine zunehmend eigenständige Zusammenarbeit anderer Staaten den internationalen Einfluss der Vereinigten Staaten langfristig verändern?
Ein solcher Wandel ist grundsätzlich denkbar. Wenn Länder feststellen, dass sie bestimmte wirtschaftliche oder sicherheitspolitische Interessen gemeinsam wirksamer vertreten können, werden sie möglicherweise häufiger eigene Initiativen entwickeln.
Das könnte insbesondere dann geschehen, wenn politische Entscheidungen in Washington für Partner schwer vorhersehbar erscheinen oder wenn unterschiedliche Prioritäten eine gemeinsame Vorgehensweise erschweren.
Allerdings wäre es voreilig, aus einer einzelnen Initiative auf einen endgültigen Verlust amerikanischer Macht zu schließen.
Der globale Einfluss der USA beruht auf mehreren Faktoren: ihrer wirtschaftlichen Stärke, ihren militärischen Fähigkeiten, ihren technologischen Ressourcen, ihren internationalen Bündnissen und ihrer Rolle in globalen Finanz- und Handelsstrukturen.
Diese Faktoren verschwinden nicht dadurch, dass Kanada und europäische Staaten eine eigenständige Mission organisieren.
Zugleich kann eine solche Initiative auch im Interesse der Vereinigten Staaten liegen, sofern sie dazu beiträgt, internationale Handelswege zu stabilisieren und die wirtschaftlichen Folgen einer Krise zu begrenzen.
Die eigentliche Veränderung könnte daher weniger in einem abrupten Machtverlust bestehen als in einer schrittweisen Neuverteilung internationaler Verantwortung.
7. Die größten Herausforderungen liegen noch vor der Allianz
Eine politische Erklärung zu verabschieden ist wesentlich einfacher, als eine internationale Sicherheitsmission erfolgreich durchzuführen.
Zunächst müssen die beteiligten Länder klären, unter welchen Bedingungen die Mission beginnen kann. Eine Operation setzt eine ausreichend stabile Sicherheitslage, eine klare Aufgabenbeschreibung und funktionierende Kommunikationswege voraus.
Hinzu kommen praktische Fragen: Wer stellt Schiffe bereit? Wie werden Minenräumung und Begleitschutz organisiert? Welche Regeln gelten bei Bedrohungen? Wie wird eine Eskalation mit regionalen Akteuren verhindert?
Auch die Abstimmung zwischen den beteiligten Regierungen ist anspruchsvoll. Die Länder verfügen über unterschiedliche militärische Fähigkeiten, politische Prioritäten und rechtliche Voraussetzungen für Auslandseinsätze.
Ein weiteres Problem ist die Zusammenarbeit mit den Staaten der Region. Eine dauerhafte Stabilisierung der Straße von Hormus lässt sich kaum allein durch internationale Marineverbände erreichen. Diplomatische Vereinbarungen, die Einhaltung des Völkerrechts und eine Verringerung der regionalen Spannungen bleiben entscheidend.
Schließlich müssen die beteiligten Staaten erklären, wie lange sie sich engagieren wollen und welche finanziellen Belastungen entstehen können.
Erst wenn diese Fragen geklärt sind und die Mission tatsächlich Ergebnisse erzielt, lässt sich beurteilen, wie erfolgreich das neue Kooperationsmodell ist.
Fazit: Eine neue Balance internationaler Verantwortung?
Die Zusammenarbeit Kanadas, Großbritanniens, Frankreichs und zahlreicher weiterer Staaten zur Sicherung der Straße von Hormus zeigt, dass internationale Krisen auch neue Formen der Kooperation hervorbringen können.
Mark Carney und die beteiligten europäischen Regierungen verfolgen dabei das Ziel, die freie Schifffahrt zu schützen und die wirtschaftlichen Folgen der Krise einzudämmen. Die eigenständige Mission verdeutlicht zugleich, dass wichtige Verbündete der USA bereit sind, in bestimmten Bereichen ohne direkte amerikanische Führung zusammenzuarbeiten.
Ob daraus eine dauerhafte Veränderung der globalen Machtverhältnisse entsteht, bleibt offen. Dafür müssen zunächst die praktischen Herausforderungen bewältigt und die Wirksamkeit der Zusammenarbeit nachgewiesen werden.
Donald Trumps Forderung nach einer stärkeren Eigenverantwortung anderer Staaten könnte langfristig tatsächlich dazu beitragen, dass internationale Partner ihre eigenen Fähigkeiten ausbauen. Gleichzeitig bleibt die amerikanische Rolle für die globale Sicherheit und die internationale Wirtschaft bedeutend.
Die entscheidende Entwicklung besteht deshalb möglicherweise nicht darin, dass eine Macht die andere unmittelbar ersetzt. Vielmehr könnte eine Welt entstehen, in der mehrere Staaten und Staatengruppen stärker selbstständig handeln und Verantwortung für gemeinsame Interessen übernehmen.
Für Kanada und Europa bietet sich damit die Möglichkeit, ihre außenpolitischen Fähigkeiten auszubauen. Ob sie diese Möglichkeit dauerhaft nutzen können, hängt von ihrer politischen Geschlossenheit, ihren verfügbaren Ressourcen und ihrer Fähigkeit ab, gemeinsame Erklärungen in konkrete Ergebnisse umzusetzen.
Was denken Sie? Ist die eigenständige Zusammenarbeit Kanadas und Europas ein sinnvoller Schritt zu mehr internationaler Verantwortung, oder besteht die Gefahr, dass unterschiedliche Initiativen die globale Sicherheitspolitik komplizierter machen? Und wie sollte sich das Verhältnis zwischen den USA und ihren traditionellen Verbündeten künftig entwickeln?
Diese Fragen werden nicht nur die Zukunft der Straße von Hormus beeinflussen, sondern möglicherweise auch die internationale Zusammenarbeit in vielen anderen Bereichen prägen.
