Angela Merkel und das erstaunliche Comeback einer ehemaligen Kanzlerin
Angela Merkel gehört zweifellos zu den prägendsten Politikerinnen der deutschen Nachkriegsgeschichte. Von 2005 bis 2021 stand sie an der Spitze der Bundesregierung und prägte die deutsche Politik über viele Jahre. Während ihrer Kanzlerschaft wurde sie international zu einer der bekanntesten politischen Persönlichkeiten Europas. Umso bemerkenswerter ist es, dass ihr politischer Einfluss auch mehrere Jahre nach ihrem Ausscheiden aus dem Kanzleramt weiterhin deutlich spürbar ist. Eine aktuelle Forsa-Erhebung zeigt sogar, dass 47 Prozent der Deutschen Merkel für eine geeignete Bundespräsidentin halten. Diese Zahl ist deshalb besonders interessant, weil sie zeigt, dass Merkel offenbar auch außerhalb des aktiven politischen Tagesgeschäfts ein hohes Maß an Vertrauen genießt.
Die Diskussion über Merkel als mögliche Bundespräsidentin kommt zu einem besonderen Zeitpunkt. Die Amtszeit des derzeitigen Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier endet im März 2027; die Wahl seines Nachfolgers beziehungsweise seiner Nachfolgerin durch die Bundesversammlung ist für Januar 2027 vorgesehen. Damit gewinnt die Frage nach möglichen Kandidatinnen und Kandidaten zunehmend an Bedeutung. Merkel selbst hat allerdings keine Kandidatur angekündigt. Deshalb sollte zwischen einer öffentlichen Umfrage über ihre Eignung und einer tatsächlichen politischen Kandidatur klar unterschieden werden.
Trotzdem ist die hohe Zustimmung bemerkenswert. Fast die Hälfte der Deutschen kann sich Merkel im höchsten Staatsamt vorstellen. Das sagt viel über ihre langfristige Wahrnehmung in der Bevölkerung aus. Während aktive Politiker häufig wegen aktueller Entscheidungen, parteipolitischer Konflikte oder wirtschaftlicher Probleme bewertet werden, kann eine ehemalige Regierungschefin mit zunehmendem Abstand von ihrer früheren politischen Verantwortung teilweise aus einer anderen Perspektive betrachtet werden.
Während ihrer Kanzlerschaft war Merkel keineswegs unumstritten. Sie wurde für zahlreiche Entscheidungen kritisiert, etwa für ihre Flüchtlingspolitik im Jahr 2015, ihre Energiepolitik oder den Umgang mit wirtschaftlichen und europäischen Herausforderungen. Gleichzeitig wurde sie von vielen Menschen als pragmatische, ruhige und verlässliche Politikerin wahrgenommen. Besonders in internationalen Krisen galt sie häufig als Politikerin, die nach Kompromissen suchte und politische Konflikte möglichst kontrolliert lösen wollte.
Genau diese Eigenschaften könnten erklären, warum Merkel heute für viele Menschen als geeignete Bundespräsidentin erscheint. Das Amt des Bundespräsidenten unterscheidet sich grundlegend vom Amt des Bundeskanzlers. Der Bundespräsident führt nicht die Regierung und entscheidet nicht über die tägliche Politik. Seine oder ihre wichtigste Funktion besteht vielmehr darin, den Staat nach innen und außen zu repräsentieren, gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern und die politischen Institutionen zu verkörpern.
Für dieses Amt sind deshalb Eigenschaften wie Erfahrung, Besonnenheit, internationale Bekanntheit und die Fähigkeit zur Vermittlung besonders wichtig. Merkel könnte diese Voraussetzungen nach Meinung vieler Bürger erfüllen. Während ein Kanzler täglich politische Entscheidungen treffen und sich mit konkreten Problemen auseinandersetzen muss, soll der Bundespräsident stärker über den parteipolitischen Auseinandersetzungen stehen.
Interessant ist deshalb der Vergleich zwischen Merkels heutiger Zustimmung und ihrem besten Wahlergebnis als Spitzenkandidatin der Union. Bei der Bundestagswahl 2013 erreichte die Union unter ihrer Führung 41,5 Prozent der Zweitstimmen. Dieser Wert war für CDU und CSU ein außergewöhnlich starkes Ergebnis. Dass Merkel heute bei der Frage nach ihrer Eignung für das Bundespräsidentenamt auf 47 Prozent kommt, erscheint deshalb zunächst paradox.
Allerdings sind die beiden Zahlen nicht direkt miteinander vergleichbar. Bei einer Bundestagswahl stimmen die Bürger für Parteien und entscheiden damit indirekt über die Zusammensetzung des Parlaments und die Regierungsbildung. Bei einer Frage nach der Eignung für das Bundespräsidentenamt bewerten sie dagegen eine einzelne Person. Außerdem liegen zwischen beiden Zeitpunkten viele Jahre politischer Entwicklung.
Dennoch lässt sich aus dem Vergleich eine interessante Entwicklung erkennen: Merkel wird heute offenbar stärker als Persönlichkeit denn als Parteipolitikerin wahrgenommen. Als Bundeskanzlerin war sie eng mit der CDU verbunden. Sie musste politische Entscheidungen verantworten und sich regelmäßig mit ihren Gegnern auseinandersetzen. Im Ruhestand kann sie dagegen leichter als überparteiliche Persönlichkeit betrachtet werden.
Das ist für das Amt des Bundespräsidenten besonders relevant. Der Bundespräsident sollte nach dem Grundgesetz über den politischen Parteien stehen und möglichst viele Teile der Gesellschaft ansprechen. Natürlich hat jeder Bundespräsident eine politische Vergangenheit. Entscheidend ist jedoch, ob er oder sie im Amt glaubwürdig vermitteln kann, dass die Interessen des gesamten Landes vertreten werden.
Bei Merkel könnte ihre lange politische Erfahrung sowohl ein Vorteil als auch ein Nachteil sein. Einerseits kennt sie die politischen Abläufe in Deutschland und Europa aus eigener Erfahrung. Sie war an zahlreichen internationalen Verhandlungen beteiligt und hat Deutschland über viele Jahre auf europäischer und internationaler Ebene vertreten. Ihre internationale Bekanntheit könnte deshalb für das Amt von Vorteil sein.
Andererseits ist ihre politische Vergangenheit sehr stark mit der CDU verbunden. Für manche Menschen ist Merkel bis heute eine typische Vertreterin der konservativen deutschen Politik. Andere sehen sie dagegen eher als pragmatische Politikerin der politischen Mitte. Gerade diese unterschiedlichen Wahrnehmungen machen eine mögliche Kandidatur interessant.
Ein weiterer Faktor ist der sogenannte Merkel-Mythos. Während ihrer Kanzlerschaft wurde Merkel häufig als Symbol für Stabilität und Verlässlichkeit wahrgenommen. Ihr politischer Stil war meist weniger spektakulär als der anderer Regierungschefs. Sie vermied häufig aggressive politische Rhetorik und setzte auf Verhandlungen und schrittweise Lösungen. Der berühmte Eindruck der „ruhigen Hand“ prägte ihre öffentliche Wahrnehmung.
Im politischen Alltag kann ein solcher Stil allerdings auch Nachteile haben. Kritiker warfen Merkel vor, zu zögerlich zu handeln und notwendige Reformen zu spät einzuleiten. Gerade in Bereichen wie Digitalisierung, Infrastruktur, Energiepolitik oder Verteidigung wurde ihr vorgeworfen, Probleme nicht schnell genug angegangen zu sein. Deshalb sollte man ihre heutige Popularität nicht mit einer vollständigen Neubewertung ihrer Kanzlerschaft gleichsetzen.
Trotzdem zeigt die aktuelle Zustimmung, dass ihre politische Persönlichkeit weiterhin eine starke Wirkung besitzt. Menschen erinnern sich nicht ausschließlich an einzelne politische Entscheidungen, sondern auch an das Gefühl, das eine politische Führungspersönlichkeit vermittelt hat. Nach mehreren Jahren politischer Veränderungen kann die Erinnerung an eine ruhigere und berechenbarere Zeit an Bedeutung gewinnen.
Dieser Effekt ist nicht ungewöhnlich. Ehemalige Regierungschefs werden nach ihrem Ausscheiden häufig anders bewertet als während ihrer Amtszeit. Im aktiven politischen Geschäft stehen sie unter ständigem Druck. Nach dem Ende ihrer Amtszeit können Bürgerinnen und Bürger stärker die langfristigen Leistungen betrachten. Gleichzeitig verschwinden viele alltägliche politische Konflikte aus dem öffentlichen Bewusstsein.
Bei Merkel kommt noch ein weiterer Aspekt hinzu: Sie war 16 Jahre lang Bundeskanzlerin. Eine so lange Regierungszeit führt automatisch zu einer starken persönlichen Verbindung zwischen einer politischen Persönlichkeit und einem ganzen politischen Zeitalter. Viele Deutsche haben einen großen Teil ihres Erwachsenenlebens unter einer Regierung Merkel erlebt. Für diese Menschen ist sie nicht einfach eine ehemalige Politikerin, sondern eine Figur, die eine ganze Epoche deutscher Politik verkörpert.
Die Vorstellung, dass Merkel Bundespräsidentin werden könnte, besitzt deshalb auch eine symbolische Dimension. Sie würde nicht nur eine erfahrene Politikerin in das höchste Staatsamt bringen, sondern gleichzeitig eine Verbindung zwischen verschiedenen politischen Generationen herstellen. Merkel könnte als ehemalige Kanzlerin und heutige Staatsfrau auftreten und damit eine andere Rolle einnehmen als während ihrer aktiven Regierungszeit.
Allerdings sollte man die 47 Prozent Zustimmung vorsichtig interpretieren. Eine Umfrage zeigt die Meinung der Befragten zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie bedeutet nicht, dass 47 Prozent Merkel tatsächlich wählen würden oder dass sie eine Mehrheit in der Bundesversammlung hätte. Der Bundespräsident wird in Deutschland nicht direkt vom Volk gewählt. Die Wahl erfolgt durch die Bundesversammlung, die aus den Mitgliedern des Bundestages und einer gleichen Anzahl von Mitgliedern besteht, die von den Landesparlamenten gewählt werden.
Deshalb wäre eine tatsächliche Kandidatur eine politische Entscheidung, die wesentlich komplizierter wäre als eine Umfrage. Parteien müssten sich auf eine Kandidatin einigen und anschließend versuchen, eine Mehrheit in der Bundesversammlung zu organisieren. Merkel müsste außerdem selbst bereit sein, dieses Amt anzustreben. Nach den derzeit verfügbaren Berichten gibt es dafür keine bestätigte Kandidatur; entsprechende Spekulationen wurden teilweise sogar zurückgewiesen.
Unabhängig davon ist die hohe Zustimmung politisch interessant. Sie zeigt, dass Merkel auch nach ihrem Rückzug aus dem aktiven politischen Leben über beträchtliches Ansehen verfügt. Gleichzeitig macht der Fall deutlich, wie stark sich die Bewertung einer Politikerin verändern kann, wenn sie nicht mehr unmittelbar für aktuelle politische Probleme verantwortlich gemacht wird.
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die aktuellen Umfragewerte ein bemerkenswertes Comeback der öffentlichen Beliebtheit Angela Merkels zeigen. 47 Prozent halten sie für eine geeignete Bundespräsidentin. Damit wird deutlich, dass ihre politische Karriere nicht einfach mit dem Ende ihrer Kanzlerschaft abgeschlossen ist. Ihre lange Amtszeit, ihre internationale Erfahrung und ihr vergleichsweise ruhiger politischer Stil prägen weiterhin das Bild, das viele Deutsche von ihr haben.
Ob Merkel tatsächlich jemals ins Schloss Bellevue einziehen wird, ist jedoch eine völlig andere Frage. Eine Kandidatur ist derzeit nicht bestätigt, und die Wahl des Bundespräsidenten hängt von den Mehrheitsverhältnissen in der Bundesversammlung ab.
Dennoch ist allein die Tatsache bemerkenswert, dass eine ehemalige Bundeskanzlerin Jahre nach ihrem Ausscheiden erneut so hohe Zustimmungswerte erreicht. Während viele aktive Politiker mit sinkendem Vertrauen kämpfen, scheint Merkel von einem gewissen Abstand zur Tagespolitik zu profitieren. Ihr Beispiel zeigt, dass politische Popularität nicht immer unmittelbar nach dem Ende einer Karriere verschwindet. Manchmal entsteht gerade mit größerem zeitlichem Abstand ein neues Bild einer politischen Persönlichkeit.
Der sogenannte Merkel-Mythos ist deshalb nicht nur eine Erinnerung an eine lange Kanzlerschaft. Er ist auch Ausdruck der Sehnsucht eines Teils der Bevölkerung nach politischer Erfahrung, Stabilität und Berechenbarkeit. Ob diese Eigenschaften tatsächlich ausreichen würden, um das Amt der Bundespräsidentin erfolgreich auszuüben, müsste sich allerdings erst in der politischen Realität zeigen.
