Ein durchgesickertes Video zeigt eine Simulation, wie der Supertorpedo Poseidon Großbritannien auslöscht und Angst und Panik verbreitet. hyn

In den unendlichen Weiten der sozialen Netzwerke – von Telegram-Kanälen bis hin zu vermeintlich alternativen Nachrichtensendern auf YouTube – blüht eine parallele Informationswelt. Dort werden komplexe geopolitische Konflikte in Sekundenschnelle zu apokalyptischen Szenarien zugespitzt. Ein besonders drastisches Beispiel liefert ein aktuelles Video des Kanals „Nachrichten aktuell“.

Die dort aufgestellten Behauptungen klingen wie das Drehbuch zu einem globalen Endzeit-Thriller: Großbritannien habe mit Drohnen russische Zivilisten massakriert, betreibe im Atlantik völkerrechtswidrige Piraterie gegen russische Schiffe und stehe kurz davor, durch den russischen Super-Torpedo „Poseidon“ im Meer versenkt zu werden. Gleichzeitig wird der deutsche Verteidigungsminister Boris Pistorius als „Antidemokrat“ und „Kriegstreiber“ betitelt, weil er sensible Informationen vor der AfD schützen will.

Was steckt wirklich hinter diesen hocheffektiven Klick-Magneten? Ein Faktencheck zwischen realen Sanktionen, medialer Kriegstreiberei und der Psychologie der Angst.

Der „britische Drohnenangriff“: Anatomie einer Falschmeldung

Der Einstieg des Videos ist auf maximale emotionale Erschütterung ausgelegt. Es wird behauptet, Großbritannien habe einen direkten Drohnenangriff auf einen offenen Markt in der russisch kontrollierten Stadt Tokmak (Region Saporischschja) verübt und dabei Menschen „regelrecht zerfetzt“.

Wer die Dynamik des Ukraine-Krieges sachlich analysiert, erkennt schnell die massive Desinformation hinter dieser Formulierung:

  • Die Akteure vor Ort: Tokmak liegt in der Ukraine und ist derzeit von russischen Truppen besetzt. Drohnenangriffe in diesem Gebiet werden von den ukrainischen Streitkräften durchgeführt, die ihre eigene Heimat gegen die Besatzer verteidigen.

  • Die Rolle des Westens: Großbritannien und andere NATO-Staaten liefern der Ukraine Waffen und Aufklärungsmaterial. Es gibt jedoch keinerlei Hinweise oder Belege dafür, dass britische Soldaten oder Drohnen eigenständig Ziele in der Ukraine oder auf russischem Staatsgebiet angreifen. Die Behauptung, „die Briten“ hätten direkt angegriffen, zieht die NATO bewusst als Kriegspartei in das Narrativ hinein.

Piraterie oder Sanktionsrecht? Der Streit um die „Schattenflotte“

Der nächste Aufreger des Videos betrifft das Vorgehen der britischen Regierung gegen die sogenannte russische Schattenflotte. Der Kommentator spricht von „Piraterie“ und einer „Kriegserklärung“, weil London angeordnet habe, russische Schiffe in neutralen Gewässern zu entern und zu beschlagnahmen. Zur Untermauerung spinnt er eine abenteuerliche maritime Fantasie von russischen Marines, die britische Hubschrauber abschießen, während ein U-Boot im Hintergrund patrouilliert.

Die Realität im internationalen Seerecht ist weitaus bürokratischer, aber nicht minder brisant:

  • Was ist die Schattenflotte? Russland nutzt hunderte oft veraltete, schlecht versicherte Tanker unter den Flaggen von Drittstaaten (wie Panama oder Liberia), um die westlichen Öl-Sanktionen und Preisobergrenzen zu umgehen.

  • Die britischen Maßnahmen: Im März 2026 hat London die Gangart verschärft. Die britische Marine und Küstenwache haben jedoch keine Vollmacht, Schiffe willkürlich in internationalen Gewässern zu kapern – das wäre in der Tat ein schwerer Völkerrechtsbruch. Die Sanktionen beziehen sich auf das Befahren von britischen Hoheitsgewässern (der 12-Meilen-Zone) und die Nutzung britischer Häfen und maritimer Dienstleistungen. Das Durchsetzen von nationalem Recht in den eigenen Gewässern hat mit Piraterie nichts zu tun.

Die Apokalypse als Klickgarant: Poseidon und Alois Irlmaier

Um den Spannungsbogen auf die Spitze zu treiben, greift das Video tief in die Kiste der Verschwörungstheorien und Prophezeiungen. Es wird behauptet, London drohe eine Bombardierung „wie Gaza“ und der Einsatz des russischen Nuklear-Torpedos Poseidon. Als Kronzeuge für den Untergang der britischen Inseln muss sogar der bayerische Hellseher Alois Irlmaier herhalten.

Hier vermischen sich russische Drohgebärden mit westlicher Esoterik:

  • Die Waffe „Poseidon“: Der Poseidon ist eine russische Entwicklung – eine autonome, nuklear angetriebene Unterwasserdrohne, die theoretisch gigantische, radioaktive Tsunami-Wellen auslösen könnte. Die Waffe wird vom Kreml im Rahmen der nuklearen Abschreckung medial inszeniert.

  • Die Funktion im Video: Die Erwähnung solcher Superwaffen bedient die tiefsitzende Angst vor einem Atomkrieg. Indem der Kanal suggeriert, der Dritte Weltkrieg stehe unmittelbar bevor, erzeugt er eine emotionale Abhängigkeit beim Zuschauer. Wer Angst hat, schaltet auch das nächste Video ein.

Der Schwenk zur Innenpolitik: Pistorius, die AfD und der „Bürgerkrieg“

Am Ende schlägt das Video eine überraschende Brücke zur deutschen Innenpolitik. Boris Pistorius wird scharf angegriffen, weil er sich im Vorfeld von Landtagswahlen dafür ausgesprochen hat, potenziellen AfD-Ministern den Zugang zu streng geheimen militärischen Informationen zu verwehren. Der Kommentator wittert hier „Kriegstreiberei“ und warnt vor einem bevorstehenden „Bürgerkrieg“.

Auch hier lohnt ein sachlicher Blick auf die rechtliche Lage in Deutschland:

  • Sicherheitsüberprüfungen sind Standard: Der Zugang zu Staatsgeheimnissen und militärischen Verschlusssachen ist in Deutschland streng reglementiert. Unabhängig von der Parteizugehörigkeit muss jede Person, die mit Geheimnissen arbeitet, eine Sicherheitsüberprüfung durch das Bundesamt für Verfassungsschutz durchlaufen.

  • Die Begründung des Ministers: Da Teile der AfD vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft werden und prominente Parteivertreter eine auffällige Nähe zur Kreml-Führung zeigen, sieht der Verteidigungsminister ein potenzielles Sicherheitsrisiko für die Bundeswehr und die NATO-Verbündeten. Es handelt sich um einen präventiven Schutzmechanismus des Staates, nicht um einen Akt der Willkür. Die Behauptung, das Volk habe ein „Recht“ darauf, dass gewählte Politiker sofortigen Zugang zu Geheimdienstberichten erhalten, entbehrt jeder rechtlichen Grundlage.

Fazit: Das Geschäftsmodell mit der Angst

Videos wie das von „Nachrichten aktuell“ folgen einem klaren und hocheffektiven Muster. Sie nehmen reale, komplexe Ereignisse – wie den Ukraine-Krieg, die Sanktionen gegen Öltanker oder innenpolitische Debatten über den Verfassungsschutz – und reichern sie mit emotionalen Triggerwörtern („Massaker“, „Piraterie“, „Atombestückt“, „Bürgerkrieg“) an.

Das Ziel ist selten eine seriöse journalistische Einordnung, sondern die Erzeugung eines permanenten Krisengefühls. Für den Zuschauer gilt: Ein kühler Kopf und der Abgleich mit verschiedenen, verifizierten Quellen sind das beste Gegenmittel gegen die rhetorische Mobilmachung im Netz.

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