EXTREMELY SENSITIVE CONTENT – 18+ ONLY
Dieser Text behandelt sehr sensible historische Ereignisse im Kontext der nationalsozialistischen Verfolgung, Deportationen und des Holocaust. Er dient ausschließlich der historischen Einordnung und dem Gedenken an die Opfer. Er verherrlicht weder Gewalt noch Extremismus und enthält keine detaillierten oder schockierenden Beschreibungen.
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28. Juli 1940, Salzburg, Österreich.
Kurz nach dem Fall Frankreichs, zu einem Zeitpunkt, als das nationalsozialistische Deutschland seine Macht in Europa weiter ausdehnte, lud Adolf Hitler slowakische Politiker zu einer Konferenz ein. Ziel war es, den politischen Kurs der Slowakei stärker an Deutschland zu binden: Moderatere Kräfte sollten aus der Regierung gedrängt und durch Vertreter eines radikalen, prodeutschen Flügels ersetzt werden. Zugleich stand ein unausgesprochenes Ultimatum im Raum: Wer nicht folgte, riskierte den Verlust deutscher Schutzgarantien und damit die Preisgabe des slowakischen Staates gegenüber ungarischen Ansprüchen.
Die slowakische Führung gab nach. Und während sich politische Entscheidungen in Regierungssälen verschoben, begann für zehntausende Menschen ein Weg, der sich bald nicht mehr umkehren ließ.
Zwei Jahre später, im März 1942, starteten die systematischen Deportationen slowakischer Juden in die deutschen Lager im besetzten Polen. Zwischen März und Oktober 1942 wurden nach heutigem Forschungsstand rund 58.000 Juden aus der Slowakei verschleppt. Unter ihnen war Helena Citrónová.
Helena, eines von vier Kindern jüdischer Eltern, wurde am 26. August 1922 in Humenné geboren, damals Teil der Tschechoslowakei. Ihr Vater war Kantor, Musik gehörte zum Alltag der Familie. Helena sang gern, tanzte, träumte von einer Zukunft, die größer war als die kleine Stadt. Ihr Bruder soll gescherzt haben, er werde sie eines Tages nach Prag bringen, damit ihr Talent gesehen werde.
Doch mit dem Krieg veränderte sich alles. Ab 1940 verschärften neue Gesetze in der Slowakei schrittweise die Ausgrenzung jüdischer Menschen: Eigentum wurde entzogen, berufliche Möglichkeiten zerstört, Rechte eingeschränkt. Propaganda verstärkte diese Politik und schuf ein Klima, in dem Diskriminierung als „normal“ verkauft wurde.
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Am 9. September 1941 trat der sogenannte „Judenkodex“ in Kraft, ein umfassendes Gesetzeswerk, das jüdische Menschen praktisch aus dem öffentlichen Leben ausschloss. Er regelte und beschränkte alltägliche Dinge – Bewegungsfreiheit, Teilnahme am gesellschaftlichen Leben, wirtschaftliche Existenz – bis hin zu sichtbaren Kennzeichnungen. Für viele bedeutete das nicht nur Verlust, sondern den erzwungenen Abschied von einem Leben, das zuvor selbstverständlich gewesen war.
Im März 1942 unterzeichnete der slowakische Staat ein Abkommen mit Deutschland, das die Deportation slowakischer Juden ermöglichte. Die Slowakei gehörte zu den ersten Staaten außerhalb direkter deutscher Kontrolle, die der Verschleppung der eigenen jüdischen Bevölkerung zustimmten. Menschen wurden in Sammel- und Arbeitslager wie Sereď, Nováky und Vyhne gebracht und anschließend an deutsche Stellen übergeben. Die Hlinka-Garde und staatliche Behörden spielten dabei eine zentrale Rolle. Den Betroffenen blieb kaum Zeit, sich zu verabschieden, das Nötigste zu packen oder überhaupt zu begreifen, was geschah.
Nahezu alle Deportierten wurden in Auschwitz, Majdanek, Sobibor und anderen Orten im besetzten Polen ermordet. Nur ein sehr kleiner Teil der im Jahr 1942 Deportierten überlebte.
Am 25. März 1942 befand sich Helena Citrónová unter 997 jungen Frauen, die im ersten offiziellen Transport aus der Slowakei nach Auschwitz deportiert wurden. Offiziell hieß es, es gehe um Arbeitseinsatz auf Zeit. In Wirklichkeit begann für viele von ihnen der Weg in ein System, das Menschen entwürdigte und vernichtete.
Helena wurde zunächst zu schwerer Arbeit eingeteilt. Sie erlebte Hunger, Angst, Erschöpfung, den Verlust von Freundinnen – Tage, die sich wie ein einziges, endloses Überleben anfühlten. Später kam sie in ein Arbeitskommando, das als „Kanada“ bekannt war: Dort wurden die Besitztümer der Opfer sortiert und weitergeleitet. Diese Arbeit galt als vergleichsweise weniger tödlich, weil die Bedingungen etwas anders waren – doch der Ort blieb Teil desselben grausamen Systems.
Am 30. Oktober 1942 nahm Helena an einer musikalischen Darbietung einer Häftlingsgruppe teil. Für sie war das Singen mehr als ein Auftritt – es war Erinnerung an das frühere Leben, ein kurzer Moment, in dem sie sich selbst wieder spüren konnte. An diesem Tag wurde sie von Franz Wunsch, einem SS-Mann mit Aufsichtsfunktion in diesem Bereich, bemerkt.
Was danach folgte, bleibt in der historischen Bewertung besonders heikel, weil es in einem Lager niemals „normale“ Beziehungen gab. Zwischen Bewachern und Gefangenen bestand ein extremes Machtgefälle, und jede Nähe stand unter Zwang, Angst und Abhängigkeit. Dennoch ist überliefert, dass Wunsch Helena wiederholt aufsuchte, ihr zusätzliche Nahrung und Kleidung brachte und sie in einzelnen Situationen zu schützen versuchte – Handlungen, die in diesem Umfeld über Leben und Tod entscheiden konnten. Gleichzeitig blieb er Teil eines verbrecherischen Systems, in dem unzählige Menschen entrechtet, misshandelt und ermordet wurden.
Ein Wendepunkt in Helenas Geschichte war das Schicksal ihrer Schwester Róžika. Als Helena erfuhr, dass Róžika ebenfalls nach Auschwitz deportiert worden war, versuchte sie verzweifelt, sie zu finden. In dieser Situation soll Wunsch geholfen haben, Róžika vor der unmittelbaren Selektion zu bewahren, indem er sie als Arbeitskraft für „Kanada“ ausgab. Für Róžikas Kinder konnte er nichts erreichen – sie wurden ermordet. Diese Tatsache blieb für Helena eine Wunde, die sich nie schloss: Rettung und Verlust lagen in Auschwitz oft erschreckend nah beieinander.
Die geheime Verbindung zwischen Helena und Wunsch dauerte bis zur Evakuierung von Auschwitz im Januar 1945 an. Zeitzeugenberichte widersprechen sich in Details, auch über die genaue Natur dieser Beziehung. Helena selbst wurde später mit widersprüchlichen Gefühlen zitiert: Abscheu, Überlebenswille, Trauer – und zugleich die Erfahrung, dass menschliche Regungen selbst dort auftauchen konnten, wo Menschlichkeit systematisch zerstört wurde. Nichts daran macht das Lager weniger grausam; es zeigt nur, wie komplex Überleben unter Terror sein kann.
Am 27. Januar 1945 befreite die sowjetische Armee Auschwitz, Birkenau und Monowitz. Unter den Überlebenden befand sich auch Helena Citrónová.
Nach dem Krieg heiratete Helena, zog nach Israel und bekam zwei Kinder. Wunsch lebte später in Österreich, gründete ebenfalls eine Familie und suchte jahrelang Kontakt zu Helena, doch sie wich dem aus.
1972 wurde Franz Wunsch wegen Kriegsverbrechen vor Gericht gestellt. Helena sagte schließlich in Wien aus – nicht um das System Auschwitz zu relativieren, sondern um einzelne Handlungen zu schildern, die sie als lebensrettend erlebt hatte. Gleichzeitig bestätigte sie, dass sie ihn auch in Zusammenhang mit Gewalt gegenüber anderen Häftlingen gesehen habe. Ihre Aussage war geprägt von Distanz und Schmerz, besonders wenn es um den Verlust der Kinder ihrer Schwester ging.
Trotz dessen, was der Richter als starke Beweislage bezeichnete, wurde Wunsch freigesprochen. Helena und Franz sahen einander danach nie wieder.
Helena Citrónová starb am 4. Juni 2007 in Tel Aviv.
Franz Wunsch starb am 23. Februar 2009 in Österreich.
Helenas Geschichte ist keine romantische Legende, sondern ein Zeugnis dafür, wie politische Entscheidungen, Propaganda und staatliche Gewalt in das Leben einzelner Menschen einschlugen. Sie erinnert daran, dass hinter Zahlen Biografien stehen – mit Talent, Familie, Hoffnung, Verlust – und dass Erinnerung vor allem eines bedeutet: die Opfer nicht zu vergessen und die Mechanismen der Entmenschlichung früh zu erkennen, bevor sie wieder Menschenleben zerstören.
