
Prag, Tschechoslowakei, 25. Dezember 1930. Ein kleines Mädchen wird in eine liebevolle, gebildete jüdische Familie geboren, die eng mit dem kulturellen Leben der Stadt verbunden ist. Ihr Vater ist ein stolzer tschechischer Staatsbürger, und ihre Mutter singt ihr abends vor. Ihre Kindheit beginnt mit Liebe, Geborgenheit und Hoffnung. Ihr Name ist Eveina.
Historische Podcasts
Doch als Europa in die dunkelsten Jahre des Krieges und des Antisemitismus geriet, veränderte sich ihr Leben von Grund auf. Nach der Besetzung der Tschechoslowakei durch Nazideutschland im Jahr 1939 verloren Eveina und viele andere jüdische Kinder rasch ihre grundlegendsten Rechte. Sie durfte nicht mehr zur Schule gehen, ihre Familie wurde gezwungen, ihr Zuhause zu verlassen, und der Alltag wurde nach und nach von Verboten, Diskriminierung und ständiger Angst geprägt. Für ein kleines Mädchen bedeutete dies, ihre Kindheit viel zu früh zu verlieren.
Was ihre Geschichte so bedeutsam macht, ist, dass Eveina in einer Familie aufwuchs, die bestens in die tschechische Gesellschaft integriert war. Sie fühlte sich nicht anders als die Menschen um sie herum. Doch in den Augen des NS-Regimes genügte ihre jüdische Herkunft, um sie und ihre Familie zu Zielscheiben zu machen. Die Verfolgung, die sie erlitten, basierte nicht auf ihren Taten, sondern allein auf dem, wer sie waren.
Am 28. Juni 1942 wurde Eveinas Familie in einen Transport nach Theresienstadt gezwungen, einer befestigten Stadt etwa 60 Kilometer nördlich von Prag, die die Nazis in ein Ghetto für jüdische Gefangene umgewandelt hatten. Theresienstadt wurde als „Mustersiedlung“ präsentiert, war aber in Wirklichkeit nur ein Transitpunkt innerhalb eines viel umfassenderen Verfolgungssystems. Zehntausende Menschen wurden dorthin transportiert; viele wurden später weiter nach Osten deportiert, während viele andere dort an Hunger, Krankheiten und den unmenschlichen Lebensbedingungen starben.
Video- und Fernsehgeräte
Selbst in diesem Umfeld erlebte Eveina seltene Momente der Freundschaft, des Miteinanders und des Trostes. Als Kind im Kinderheim bewahrte sie die Erinnerungen an Lieder, Geschichten und ihre Zimmergenossinnen in Ehren. Diese kleinen Augenblicke wurden später zu kostbaren Erinnerungen, die sie ihr ganzes Leben lang begleiteten.
Ende 1943, während ihrer Genesung in der Krankenstation des Ghettos, wurde Eveina aus dem Bett geholt und zusammen mit ihren Eltern in einen anderen Transport verladen. Sie wurden mitten im Winter nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Es war eines der größten Konzentrations- und Vernichtungslager des NS-Regimes. Dort war das menschliche Leben einem System extremer Kontrolle, Entmenschlichung und ständiger Bedrohung unterworfen.
Eveinas Gruppe wurde in den sogenannten „Familienlager Theresienstadt“ verlegt, ein Gebiet, das teilweise zu Propagandazwecken und zur Verschleierung des wahren Charakters des Konzentrationslagersystems eingerichtet worden war. Obwohl sich einige Familien noch aus der Ferne sehen konnten, blieben die Lebensbedingungen hart. Die Baracken waren überfüllt, die sanitären Anlagen unzureichend, Lebensmittel knapp, und jeder Tag war von Ungewissheit geprägt. In Auschwitz wurde Eveina eine Nummer auf den Arm tätowiert, und von da an wurde ihr Name zunehmend durch eine Nummer ersetzt.
Sein Vater wurde zu schwerer Zwangsarbeit im Freien eingeteilt. Seine Mutter musste für die deutsche Kriegsmaschinerie nähen. Jeder Tag war geprägt von Appellen, langen Stunden in der Kälte und ständiger Entbehrung. In einem solchen Umfeld gehörten Kinder zu den Schutzbedürftigsten.
Erhaltung historischer Dokumente
Doch selbst dort versuchten einige, den Jüngsten Würde und Hoffnung zu bewahren. Einer von ihnen war Freddy Hirsch, ein jüdischer Pädagoge und Jugendleiter, der sich dafür einsetzte, im Lager einen eigenen Raum für Kinder einzurichten. Dort konnten sie singen, Geschichten hören und auswendig lernen, da Bücher, Papier und Stifte fast völlig fehlten. Diese kleinen Gesten konnten das Leid nicht auslöschen, aber sie halfen den Kindern, ein Gefühl von Menschlichkeit und Fürsorge zu bewahren.
In diesem Umfeld entwickelte Eveina eine besondere Freundschaft zu einem Jungen namens Harry Kraus. An einem Ort, an dem fast alles ungewiss war, wurde diese Beziehung zu einer Quelle des Trostes und der Stärke. Für Kinder, die gezwungen sind, zu schnell erwachsen zu werden, können Freundschaft und gegenseitiges Verständnis die letzte Form menschlicher Wärme sein.
1944 folgten weitere Schicksalsschläge. Eveinas Familie erfuhr, dass ihre ältere Schwester Lisa einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Es war eine der letzten freudigen Nachrichten, die die Familie während des Krieges erreichte. Kurz darauf veränderten neue Entscheidungen der Lagerleitung abrupt das Schicksal vieler Gefangener. Viele wurden abgeführt und kehrten nie zurück.
Eveinas Vater starb im April 1944 an Krankheit und Erschöpfung. Später, während einer Selektion zur Zwangsarbeit, stand Eveina vor einer entscheidenden Lebensgefahr. Obwohl sie erst 13 Jahre alt war, gab sie ein höheres Alter an, um in der Arbeitsgruppe bleiben zu dürfen. Auch ihre Mutter änderte ihr Alter, in der Hoffnung, bei ihrer Tochter bleiben zu können. In einer Situation, in der eine einzige Entscheidung über Leben und Tod entscheiden konnte, zeugte diese Wahl von einem ausgeprägten Überlebensinstinkt.
Historische Analyse
Viele fielen bei diesen Selektionen durch, darunter auch Mitglieder von Eveinas Familie. Ihre Großmutter gehörte zu den Opfern. Ihre Schwester Lisa wurde später nach Auschwitz deportiert und starb dort zusammen mit ihrem Kind. Durch Deportationen, Trennungen und die Vernichtungspolitik der Nazis wurde Eveinas Familie beinahe vollständig ausgelöscht.
Eveina und ihre Mutter wurden anschließend nach Stutthof und dann in ein Außenlager im besetzten Polen verlegt. Die Bedingungen dort blieben extrem hart. Die Frauen wurden gezwungen, im Freien, in der eisigen Kälte und mit minimaler Nahrung Panzergräben auszuheben. Am 22. November 1944 starb Eveinas Mutter an Hunger und Erschöpfung. Eveina war nun allein.
In den letzten Kriegsmonaten spitzte sich die Lage in den Lagern weiter zu. Krankheiten, Kälte, Hunger und Zwangsevakuierungen dezimierten die Zahl der Überlebenden zusätzlich. Obwohl sie körperlich völlig erschöpft war, klammerte sich Eveina weiterhin ans Leben. Als sowjetische Soldaten Ende Januar 1945 das Gebiet erreichten, gehörte sie zu den wenigen Frauen, die noch lebten.
Nach der Befreiung lernte Eveina einen jüdischen Kinderarzt kennen, der in den sowjetischen Streitkräften diente und sie später bei sich aufnahm. Von da an war sie als Eveina Marova bekannt. In den Nachkriegsjahren, stets gezeichnet von der Erinnerung an ihren Tod, widmete sie sich ganz ihrem Studium. Schließlich schloss sie ihr Studium der Germanistik an der Universität Leningrad ab, heiratete den Architekten Simeon Nymark und gründete eine Familie mit zwei Kindern.
Holocaust-Bildung
Diejenigen, die sie gut kannten, erinnerten sich später daran, dass Eveina ihren Kindern trotz der immensen Verluste, die sie erlitten hatte, unendliche Liebe und Zärtlichkeit schenkte. Dies bleibt einer der außergewöhnlichsten Aspekte ihres Lebens: Sie durchlebte einige der dunkelsten Kapitel des 20. Jahrhunderts, ohne dass diese Erfahrungen ihre Menschlichkeit trübten.
Viele Jahre später kehrte Eveina nach Prag zurück, der Stadt ihrer Kindheit, dem Ort ihrer ersten glücklichen Erinnerungen, aber auch dem Ort, an dem die Trennung ihrer Familie begann. Sie veröffentlichte ihre Memoiren und erzählte ihre Geschichte mit ruhiger, aber eindringlicher Stimme. In ihren letzten Lebensjahren engagierte sie sich öffentlich gegen Antisemitismus und Holocaustleugnung. Für sie bedeutete Zeugnis abzulegen nicht nur, ihr eigenes Leben zu schildern, sondern auch das Andenken an jene zu bewahren, die nie zurückkehrten.
Am 8. Februar 2024 verstarb Eveina Marova im Alter von 93 Jahren. Ihr Leben ist ein Zeugnis des Überlebenswillens, der menschlichen Widerstandskraft und der Bedeutung des historischen Gedächtnisses. Von den vielen Tausend Kindern, die Orte wie Theresienstadt und Auschwitz durchquerten, überlebten nur wenige lange genug, um von dem Geschehenen zu berichten. Deshalb sind Zeugnisse wie das von Eveina so unschätzbar wertvoll. Sie sind nicht nur persönliche Geschichten, sondern auch bleibende Mahnmale für die Folgen von Hass, Extremismus und menschlicher Gleichgültigkeit angesichts von Ungerechtigkeit.
