00:00
00:00
00:00
Mai 1945 : Ein deutscher Kriegsgefangener entkommt aus einem Lager in den französischen Alpen und verschwindet in den Bergen. 25 Jahre später findet man ihn wieder; er führt ein kleines, von allen geliebtes Dorfkaffee und hat eine französische Familie. Doch wie konnte ein feindlicher Soldat die Entscheidung treffen, niemals nach Hause zurückzukehren? Mai 1945. In den Bergen der Hautes-Alpes, nahe der Stadt Briançon, ist seit mehreren Monaten ein großes Lager für deutsche Kriegsgefangene eingerichtet.
Der Krieg in Europa ist gerade zu Ende gegangen. 2847 deutsche Soldaten leben hinter Stacheldraht. Sie schlafen in Holzbaracken. Sie essen einmal am Morgen und einmal am Abend. Jeder Gefangene erhält 1800 Kalorien pro Tag. Das ist die Regel: Schwarzbrot, Gemüsesuppe, manchmal ein wenig Fleisch. Die französischen Wärter zählen alles genau nach.
89 französische Soldaten bewachen das Lager; Gendarmen patrouillieren um den Stacheldraht. Frankreich ist gerade erst aus dem Krieg hervorgegangen. Die Städte sind noch zerstört. Die Straßen sind voller Löcher. Die Telefone funktionieren nicht überall. Es gibt keine Computer, keine Personalausweise mit Fotos an jeder Ecke. Wenn jemand in den Bergen verschwindet, kann er wirklich spurlos verschwinden.
Die Dorfbewohner betrachten das Lager mit müden Augen. Sie haben während des Krieges Hunger gelitten. Sie haben gesehen, wie deutsche Soldaten ihr Land fünf Jahre lang besetzten. Nun sind dieselben Soldaten hier gefangen. Einige Dorfbewohner empfinden Mitleid, andere tragen noch Zorn im Herzen. Niemand weiß wirklich, was er denken soll. Der Krieg ist vorbei, aber die Wunden sind noch frisch, wie ein Schnitt, der gerade erst passiert ist.
In diesem Lager lebt Klaus Weiler. Er ist 24 Jahre alt. Er stammt aus Bayern, einer Region im Süden Deutschlands. Vor dem Krieg arbeitete er auf dem Bauernhof seines Vaters. Er liebte die Kühe und die grünen Felder. Dann wurde er zur Armee eingezogen. Man gab ihm eine graue Uniform. Man sagte ihm, er verteidige sein Vaterland. Er wurde Obergefreiter, ein einfacher Soldatenrang. Im Januar 1945 kämpfte er im Elsass, als die Franzosen ihn gefangen nahmen. Er hatte kalt, er hatte Hunger, er war froh, gefangen zu sein, denn so würde er wenigstens nicht sterben.
Seit vier Monaten ist Klaus ein Mustergefangener. Er macht nie Probleme. Er befolgt immer die Befehle. Er wurde ausgewählt, in der Lagerküche zu arbeiten. Jeden Morgen um fünf Uhr schält er Kartoffeln, schneidet Karotten, rührt in den großen Suppentöpfen. Die französischen Wärter mögen ihn, weil er hart arbeitet und sich nie beklagt.
Klaus spricht ein wenig Französisch. Seine Großmutter war Elsässerin. Als er klein war, sang sie ihm Lieder auf Französisch vor. Er erinnert sich noch an die Worte. Jetzt retten ihm diese Worte das Leben, weil er mit den Wärtern sprechen kann. Sie geben ihm manchmal ein zusätzliches Stück Brot. Doch Klaus denkt jeden Tag an sein Zuhause.
Er denkt an seine Mutter, die sicher weint. Er denkt an seinen kleinen Bruder, der erst 15 Jahre alt war, als Klaus in den Krieg zog. Er denkt an die goldene Weizenfelder Bayerns. Nachts blickt er durch das kleine Fenster der Baracke. Er sieht die schwarzen Berge gegen den Himmel. Die Alpen sind so hoch, so nah, so verlockend. Er fragt sich, was hinter diesen Bergen liegt. Er fragt sich, ob er bis nach Deutschland laufen könnte. Er fragt sich, ob ihn wirklich jemand suchen würde.
Am 17. Mai ändert sich etwas. Ein Lastwagen kommt im Lager an, beladen mit Mehlsäcken und Gemüsekisten. Klaus hilft mit zwei anderen Gefangenen beim Abladen. Die Wärter sind beschäftigt. Sie zählen die Säcke. Sie überprüfen die Papiere des Fahrers. Klaus sieht die offene Rückseite des Lastwagens. Er sieht eine große Plane aus Segeltuch. Sein Herz beginnt fest zu schlagen. Er sieht sich um. Niemand sieht ihn an. Es ist ein Moment, nur ein kurzer Moment. Er denkt an seine Mutter, er denkt an die Freiheit. Er überlegt nicht länger.
Klaus schlüpft unter die Plane zwischen zwei Kohlkisten. Er atmet ganz leise. Er hört die Stimmen der Wärter draußen. Er hört, wie der Fahrer die Türen des Lastwagens schließt. Der Motor springt an. Der Lastwagen setzt sich in Bewegung. Klaus spürt jede Erschütterung der Straße. Er hat solche Angst, dass sein Herz fast aus seiner Brust springen möchte.
Der Lastwagen fährt 22 Minuten lang. Dann hält er an. Klaus hört den Fahrer aussteigen. Er hört eine Tür zuschlagen. Stille. Klaus wartet fünf Minuten, zehn Minuten. Dann hebt er vorsichtig die Plane an. Er blickt nach draußen. Der Lastwagen parkt vor einem kleinen Dorfladen. Der Fahrer ist drinnen und spricht mit jemandem.
Klaus springt vom Lastwagen. Er trägt noch seine Gefangenenuniform. Er hat eine Decke und ein Stück Brot aus der Küche von diesem Morgen mitgenommen. Das ist alles, was er auf der Welt besitzt. Er rennt auf den Berg zu. Seine Beine bewegen sich schnell. Er blickt nicht zurück. Er rennt, bis seine Lungen brennen. Er rennt, bis er das Dorf nicht mehr sieht. Dann geht er zu Fuß. Er wandert den ganzen Tag. Der Berg ist steil. Die Felsen schneiden durch seine abgenutzten Schuhe in seine Füße. Der Abend bricht an, es wird kalt. Klaus findet eine kleine Höhle zwischen zwei großen Felsen. Er rollt sich in seine Decke ein. Er isst die Hälfte seines Brotes. Er zittert. Er denkt, dass er einen schrecklichen Fehler gemacht hat.
Am nächsten Morgen kommen Gendarmen ins Lager. Sie zählen die Gefangenen. Klaus Weiler fehlt beim Appell. Die Wärter suchen überall im Lager. Sie schauen in alle Baracken. Sie schauen in die Küchen und die Latrinen. Klaus ist nirgends zu finden. Der Lagerkommandant ist wütend. Er schreit Befehle. Die Gendarmen schreiben einen offiziellen Bericht. Der Bericht besagt, dass Klaus Weiler gefährlich ist. Der Bericht besagt, dass er möglicherweise bewaffnet ist. Doch Klaus ist nicht gefährlich. Er hat keine Waffen. Er hat nur Angst, Hunger und ihm ist kalt. Der Bericht wird an alle Gendarmerien der Region geschickt.
Doch die Region ist groß, die Berge sind gewaltig. Und 1945 hat niemand tragbare Funkgeräte oder Hubschrauber, um überall zu suchen. Klaus Weiler wird nur noch zu einem Namen auf einem Papier. Ein Gefangener mehr, der im Chaos der Nachkriegszeit verschwunden ist. Die Gendarmen suchen zwei Wochen lang, dann hören sie auf. Sie denken, dass Klaus in den Bergen gestorben ist. Sie denken, der kalte Winter habe ihn getötet. Sie schließen seine Akte. Doch Klaus ist nicht tot. Er ist irgendwo in den Alpen, zittert in seiner Höhle, blickt in den Himmel und fragt sich, was er nun tun soll.
Klaus bleibt drei Tage lang in seiner Höhle versteckt. Er isst den Rest seines Brotes. Er trinkt Wasser aus einem kleinen Bach, der nahe bei den Felsen fließt. Er hat nachts so kalt, dass seine Zähne klappern und er nicht schlafen kann. Tagsüber blickt er hinunter ins Tal. Er sieht kleine Häuser, aus deren Schornsteinen Rauch aufsteigt. Er sieht Menschen, die auf den Pfaden gehen. Sie wirken so normal, so friedlich.
Klaus denkt an die letzten Kriegsjahre in Deutschland. Er erinnert sich an die bombardierten Städte. Er erinnert sich an die Schlangen von Menschen, die für ein wenig Nahrung anstanden. Im Jahr 1944 erhielt jeder Deutsche nur 600 Kalorien pro Tag. 600. Selbst im Gefangenenlager aß er 1800 Kalorien, dreimal so viel. Und jetzt, beim Blick auf dieses französische Tal, scheint alles so ruhig, so lebendig.
Am vierten Tag muss Klaus sich bewegen. Er hat keine Nahrung mehr. Er steigt höher in den Berg hinauf, weil er Angst hat, zu den Dörfern hinabzusteigen. Er läuft stundenlang. Seine Beine sind schwach, sein Kopf dreht sich. Schließlich findet er eine alte Holzhütte. Es ist eine Almhütte. Die Hirten nutzen sie im Sommer, wenn sie ihre Schafe in die Hochberge bringen. Aber jetzt ist erst Mai. Noch ist niemand hinaufgestiegen. Die Hütte ist leer. Die Tür ist verschlossen, aber Klaus kann durch ein zerbrochenes Fenster einsteigen.
Drinnen ist es dunkel und es riecht nach altem Holz. Es gibt einen Tisch, ein Bett mit Stroh und einen kleinen Kamin. Klaus weint vor Erleichterung. Er hat einen Unterschlupf gefunden. Er schläft zwei ganze Tage lang. Als er aufwacht, hat er solchen Hunger, dass ihm der Bauch wehtut. Er verlässt die Hütte und sucht nach Nahrung. Er findet Wurzeln, die er essen kann. Er findet Wildbeeren. Es ist nicht viel, aber es ist besser als nichts.
Die Tage vergehen. Aus Mai wird Juni. Klaus lernt zu überleben. Er findet Pilze. Er fängt manchmal mit seinen Händen einen kleinen Fisch in einem Bach. Er macht Feuer im Kamin, aber nur nachts, damit niemand den Rauch sieht. Jeden Tag beobachtet er das Tal unter ihm. Er sieht, wie das Leben ohne ihn weitergeht.
Eines Tages im Juni steigt Klaus ein Stück tiefer hinab. Er findet einen verwilderten Apfelgarten. Die Äpfel sind noch nicht reif, aber er isst sie trotzdem. Sie sind grün und sauer, aber sie füllen seinen Magen. Während er isst, betrachtet er das Dorf weiter unten. Er sieht einen Markt mit Gemüseständen, roten Tomaten, orangefarbenen Karotten, grünem Salat. Er sieht Menschen, die lachen und reden. Er sieht Kinder, die rennen. Sein Herz zieht sich zusammen. In Deutschland gab es im letzten Kriegsjahr keinen solchen Markt. Die Geschäfte waren leer, die Kinder hatten eingefallene Wangen. Und hier, nur ein Jahr nach Kriegsende, wirkt Frankreich bereits so lebendig. Wie ist das möglich?
Die Wochen vergehen. Klaus wird kühner. Er steigt nachts hinab, um etwas Gemüse aus den Gärten zu stehlen. Eine Karotte hier, ein Kohlkopf dort. Er schämt sich zu stehlen, aber er muss essen. In einer Septembernacht stiehlt er Kartoffeln in einem kleinen Garten nahe einem abgelegenen Bauernhof. Er steckt sechs Kartoffeln in sein Hemd. Er will gerade gehen, als er eine Stimme hört. Eine alte Frau steht an der Tür des Bauernhofs, eine Öllampe in der Hand. Sie sieht Klaus an. Er erstarrt.
Er glaubt, sie wird schreien. Er glaubt, die Gendarmen werden kommen. Er macht sich bereit zu rennen. Aber die alte Frau schreit nicht. Sie sieht ihn lange Zeit an. Sie sieht seine schmutzige und zerrissene Gefangenenuniform. Sie sieht sein mageres Gesicht. Sie sieht seine Augen voller Angst. Dann sagt sie etwas, das Klaus zuerst nicht versteht.
„Warte da, mein Junge“, sagt sie.
Sie geht zurück ins Haus. Klaus könnte jetzt rennen. Er sollte rennen. Aber etwas hält ihn zurück. Die Frau kommt zurück. Sie hat einen Stoffbeutel. Sie gibt ihn Klaus. Darin befinden sich ein ganzes Brot, ein großes Stück Käse und eine alte Wolljacke. Klaus kann nicht sprechen. Er sieht die Frau mit großen Augen an.
„Geh jetzt“, sagt sie. „Oh, und komm nicht wieder zum Stehlen. Wenn du etwas brauchst, komm und klopf an meine Tür.“
Dann geht sie hinein und schließt ihre Tür. Klaus steigt zu seiner Hütte hinauf. Er weint den ganzen Weg. Er kann nicht glauben, was gerade passiert ist. In Deutschland hätte man während des Krieges einen Feind, der Essen stiehlt, sofort angezeigt. Man hätte sogar erschossen werden können. Aber diese alte Französin hat ihm Essen und Kleidung gegeben. Sie hat ihm geholfen. Die Nazi-Propaganda sagte immer, die Franzosen seien schwach und dekadent. Aber diese Frau ist nicht schwach. Sie ist auf eine Weise stark, die Klaus nicht kannte.
Er findet heraus, dass die Frau Marguerite Blanc heißt. Sie ist 67 Jahre alt. Sie lebt allein, seit ihr Mann im Ersten Weltkrieg gefallen ist. Zwei Wochen nach ihrer ersten Begegnung klopft Klaus leise an ihre Tür. Er braucht mehr Nahrung. Marguerite öffnet ihm. Sie bittet ihn herein. Sie gibt ihm eine heiße Suppe und Brot. Sie stellt nicht viele Fragen.
„Der Krieg ist vorbei, junger Mann“, sagt sie nur. „Gott will keine Toten mehr.“
Klaus beginnt, Marguerite alle zwei Wochen zu besuchen. Sie gibt ihm Essen, sie gibt ihm alte Kleidung von ihrem verstorbenen Mann. Jetzt trägt Klaus keine Gefangenenuniform mehr. Er sieht aus wie ein normaler französischer Bauer. Marguerite lehrt ihn mehr französische Wörter. Sie erzählt ihm Geschichten über das Dorf. Sie sagt ihm, dass die Gendarmen schon lange aufgehört haben, ihn zu suchen. Sie sagt, alle glauben, er sei in den Bergen gestorben.
Von seiner Hütte hoch oben in den Alpen beobachtet Klaus das Dorf Saint-Martin-de-Belleville. Es ist jetzt Herbst. Die Blätter werden gelb und rot. Klaus sieht Lastwagen, die unten auf der Straße vorbeifahren. Es sind amerikanische Lastwagen. Sie bringen Lebensmittel und Vorräte. Der Marshallplan beginnt, Europa zu helfen. Klaus sieht, wie die Lastwagen Kisten mit Lebensmitteln vor dem Rathaus abladen. Er sieht die Dorfbewohner, die Milchpulver, weißes Mehl und sogar Schokolade erhalten. Schokolade. Klaus hat seit 1942 keine Schokolade mehr gegessen.
Er erinnert sich an das letzte Kriegsjahr in Deutschland. Er erinnert sich an seine Mutter, die drei Stunden anstand, um 200 Gramm Schwarzbrot zu bekommen. Er erinnert sich an seinen kleinen Bruder, der immer Hunger hatte. Er erinnert sich an die Menschen, die Kartoffelschalen aßen. Und jetzt sieht er dieses französische Dorf, das Lastwagen voller Lebensmittel erhält. Er beginnt etwas zu verstehen. Vielleicht war Deutschland nicht so stark, wie die Propaganda behauptete. Vielleicht war Deutschland von Anfang an dabei zu verlieren.
Eines Tages sieht Klaus etwas, das alles verändert. Es ist ein Sonntagnachmittag. Er beobachtet das Dorf mit einem Fernglas, das Marguerite ihm gegeben hat. Er sieht Kinder, die auf dem Dorfplatz spielen. Sie lachen, sie rennen. Ein Lastwagen kommt an. Es ist kein Militärlastwagen, es ist ein normaler Lieferwagen. Der Fahrer öffnet die Rückseite, er holt Kisten heraus. Klaus schaut aufmerksam hin. In den Kisten sind Flaschen, Coca-Cola-Flaschen. Die Kinder schreien vor Freude, sie stellen sich an. Jedem wird eine Flasche gegeben. Klaus setzt sein Fernglas ab. Er bleibt eine Stunde lang unbeweglich sitzen. In Deutschland verhungerten die Kinder. Hier trinken die Kinder ein Jahr nach Kriegsende Coca-Cola.
An jenem Abend schreibt Klaus in ein kleines Notizbuch, das Marguerite ihm gegeben hat. Er schreibt: „Wir dachten, wir würden den Krieg gewinnen. Wir dachten, wir seien die Stärksten, aber wir wussten nicht einmal, was wahrer Reichtum ist. Wir wussten nicht, was wahrer Überfluss ist. Wir lebten in einer Lüge.“
Der Winter 1945 bricht an. Klaus bleibt in seiner Hütte, aber es ist sehr schwer. Die Kälte ist schrecklich. Der Schnee reicht bis zu den Fenstern. Er kann nicht mehr hinuntergehen, um Marguerite zu besuchen. Er isst die Vorräte, die sie ihm im Herbst gegeben hat: trockenen Käse, getrocknete Äpfel, Kartoffeln. Er macht jeden Tag Feuer, um nicht vor Kälte zu sterben. An manchen Tagen denkt er, er werde dort oben in den Bergen sterben, aber er überlebt.
Im Frühling 1946, als der Schnee schmilzt, steigt Marguerite zur Hütte hinauf. Sie ist besorgt. Sie klopft an die Tür. Klaus öffnet. Er ist sehr mager, aber er lebt. Marguerite weint vor Erleichterung. Sie erzählt ihm, dass sie mit jemandem gesprochen hat, einem Mann aus dem Dorf, der Hilfe braucht. Sein Name ist Marcel Dupont. Er hat eine abgelegene Käserei, drei Kilometer vom Dorf entfernt. Er sucht jemanden zum Arbeiten. Marguerite hat nicht gesagt, dass Klaus ein ehemaliger deutscher Gefangener ist. Sie hat nur gesagt, dass sie einen jungen Mann kennt, der Arbeit braucht. Einen jungen Mann, der keine Fragen stellt und hart arbeitet.
Klaus hat Angst. Er fragt: „Und wenn er herausfindet, wer ich bin?“
„Marcel war während des Krieges in der Résistance“, antwortet Marguerite. „Er hat vieles gesehen. Er weiß, dass die Welt nicht einfach ist. Geh und sprich mit ihm, sag ihm die Wahrheit. Schau, was passiert.“
Klaus geht eine Woche später zur Käserei hinunter. Es ist ein kleines Steingebäude mit einem roten Dach. Marcel Dupont ist draußen und repariert eine Tür. Er ist 50 Jahre alt. Er ist groß und stark mit einem grauen Bart. Klaus nähert sich. Sein Herz schlägt fest. Er sagt auf Französisch: „Monsieur Dupont, Madame Blanc hat mich geschickt, ich suche Arbeit.“
Marcel sieht ihn an. Er erkennt sofort, dass mit diesem jungen Mann etwas anders ist. Er sieht die Angst in seinen Augen. Er sieht die Vorsicht.
„Marguerite hat mir gesagt, dass du eine komplizierte Geschichte hast“, sagt Marcel. „Komm rein, wir werden reden.“
In der Käserei erzählt Klaus alles. Er sagt, dass er ein Kriegsgefangener war. Er sagt, dass er geflohen ist. Er sagt, dass er seit einem Jahr in den Bergen lebt. Er sagt, dass er einfach nur arbeiten und in Frieden leben will. Marcel hört zu, ohne ihn zu unterbrechen. Als Klaus fertig ist, bleibt Marcel eine lange Minute lang still.
„Du sprichst jetzt gut Französisch“, sagt er dann. „Du wirst Claude Mercier heißen, das ist dein neuer Name. Du kommst aus der Bretagne. Deine Familie ist wohl im Krieg gestorben. Du bist hierhergekommen, um neu anzufangen. Das ist deine Geschichte, die erzählst du jedem. Verstehst du?“
Klaus kann nicht glauben, was er hört. Er fragt: „Aber warum helfen Sie mir? Ich war Ihr Feind.“
